|

|
Demenz und Gesellschaft
Heute leben rund 100'000 Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz in der Schweiz. Im Jahr 2030 werden es voraussichtlich schon doppelt so viele sein und im Jahr 2050 bereits mehr als 300'000. Die Schweizerische Alzheimervereinigung appelliert an die Politik, sich dem Thema endlich zu stellen und eine schweizerische Demenzpolitik in Angriff zu nehmen.
Alzheimer und andere Formen der Demenz sind eine der grossen Herausforderungen für unsere Gesellschaft. Die Alterung der Bevölkerung wird dazu führen, dass die Zahl der Demenzkranken in den kommenden Jahrzehnten stark ansteigen wird. Hinzukommt, dass sich auch die Gesellschaftsstrukturen ändern, mit der Folge, dass immer mehr Demenzpatienten alleine leben werden. Es besteht auf vielen Gebieten Handlungsbedarf: heute erhält nur ein Drittel der Demenzkranken eine Diagnose und pflegende Angehörige von Demenzkranken sind weitgehend auf sich gestellt.
Statement Prof. Dr. med. Felix Gutzwiller
Ständerat, Mitglied des Patronatskomitees der Schweizerischen Alzheimervereinigung
Demenzen gehören zu den grossen Herausforderungen unseres Gesundheitswesens. Dieses Problem wird durch die zunehmende Alterung weiter verschärft. Ein modernes Gesundheitswesen braucht deshalb ein Monitoring der wichtigsten Krankheitsgruppen: Nur aufgrund genauer Zahlen können Prioritäten und gesundheitspolitische Weichenstellungen vorgenommen werden. Ein solches Monitoring schliesst Häufigkeiten, die wichtigsten Risiken aber auch die Behandlungsqualitäten und Kostenfolgen der entsprechenden Krankheitsgruppen ein. In der Schweiz gibt es erst im Rahmen der Krebsregistrierung entsprechende Ansätze, die allerdings noch nicht flächendeckend sind und nur ungefähr die Hälfte der Krebsfälle umfassen. Auch für Herz-Kreislauf-Krankheiten gibt es ein erstes Register (AMIS), für Demenzen fehlen entsprechende Informationen. Aufgrund der heutigen Datenschutzumgebung braucht es dazu wohl ein entsprechendes Gesetz (“eidgenössisches Registergesetz'). Ein erster Ansatz findet sich mit einem entsprechenden Artikel über die Krankheitsregister im demnächst erwarteten Präventionsgesetz.
Statement Prof. Dr. François Höpflinger
Titularprofessor für Soziologie, Universität Zürich
Mitglied der Forschungskommission der Schweizerischen Alzheimervereinigung
Demenzielle Erkrankungen sind eine grosse soziale Herausforderung, da davon nicht nur die an Demenz erkrankten Menschen, sondern auch ihre Angehörigen betroffen sind. Wohlbefinden und Lebensqualität von demenzerkrankten Menschen können durch eine gute Betreuung und Pflege verbessert werden, ebenso wie die Belastungen pflegender Angehöriger durch niederschwellige Entlastungsangebote verringert werden können. Demenz ist zu einem Teil Schicksal, zu einem Teil aber abhängig von einer guten ‚Kultur der Pflege’ (wozu auch eine Unterstützung pflegender Angehöriger gehört).
Zwei Entwicklungen lassen ein gutes Monitoring von demenziellen Erkrankungen besonders bedeutsam erscheinen:
Erstens weisen neueste Studien darauf hin, dass Demenzerkrankungen im hohen Alter häufiger sind als früher angenommen. Gekoppelt mit der unerwartet starken Zunahme der Zahl von über 90-Jährigen ist in den nächsten Jahren mit einem sehr raschen Anstieg der Zahl hochaltriger demenzbetroffener Frauen und Männer zu rechnen.
Zweitens wird immer deutlicher, dass sich unter dem Allgemeinbegriff ‚Demenz’ vielfältige und sehr unterschiedlich verlaufende hirnorganische Erkrankungen verbergen. Je mehr wir über hirnorganische Erkrankungen wissen, desto mehr wird deutlich wie vielfältig und divers demenzielle Prozesse verlaufen. Damit muss auch der Umgang mit und die Pflege von demenzerkrankten Menschen immer wieder neu überprüft und durchdacht werden.
Demographische Entwicklungen (mehr hochaltrige Menschen mit demenziellen Einschränkungen), gekoppelt mit sozialen und sozio-medizinischen Entwicklungen machen es unumgänglich, das Manifest ‚Priorität Demenz’ umzusetzen. Ein Land, das sich nicht rechtzeitig mit neuen Entwicklungen befasst, wird später nicht in der Lage sein, die Diagnose, Pflege und Behandlung demenzerkrankter Menschen zu bewältigen.
Statement Prof. Dr. med. Reto W. Kressig
Extraordinarius und Chefarzt für Geriatrie, Medizinische Fakultät der Universität Basel
Die Demenzerkrankung und ihre Komplikationen stellen bereits heute die grösste Herausforderung in Altersinstitutionen dar. Deren gesundheitspolitische Bedeutung wird durch die demographischen Veränderungen in den nächsten zwanzig Jahren exponentiell wachsen. Ähnlich wie bei anderen wichtigen und häufigen Erkrankungen (Krebs, Herzkreislauferkrankungen) sollte die diesbezügliche gesundheitspolitische Planung auf zentral registrierten, konkreten Häufigkeitsdaten basieren können. Nur so kann die medizinische u. sozio-ökonomische Problematik dieser Erkrankung ins politisch angemessene Licht gerückt und konstruktiv angegangen werden. Das Manifest „Priorität Demenz“ der Schweizerischen Alzheimervereinigung ist eine wichtige und äusserst dringende Initiative für die öffentlich-politische Wahrnehmung dieser nach wie vor viel zu stark tabuisierten oder bagatellisierten Erkrankung. Die Generation der Babyboomer wird die hoffentlich durch diese Initiative auslösbaren Diskussionen und Lösungsansätze zu gegebener Zeit als Hauptbetroffene zu schätzen wissen.
Statement Dr. med. Ignazio Cassis, MPH
Nationalrat FDP. Die Liberalen, Montagnola
Erkennen, um handeln zu können: dies muss auch für Demenzkrankheiten gelten, die wegen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung in Zukunft immer häufiger sein werden. Um Massnahmen ergreifen zu können, ist es unabdingbar, die zahlenmässige Entwicklung, aber auch die Auswirkungen solcher Krankheiten auf das tägliche Leben der Betroffenen zu kennen. Erfolg versprechen kann aber, selbst im schweizerischen Föderalismus, nur ein koordiniertes, strukturiertes und effizientes Handeln. Dies ist der einzige Weg, der gewährleistet, dass die öffentlichen Mittel zweckbestimmt eingesetzt werden - Mittel, die zwar limitiert aber glücklicherweise nicht knapp sind. Dies ist auch der einzige Weg, welcher die Solidarität der Bevölkerung garantiert. Einzig eine nationale Strategie wird es erlauben, diese grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit in geeigneter Weise anpacken zu können. Es braucht dafür klare und in finanzieller Hinsicht ausgeglichene Verantwortlichkeiten: mit andern Worten eine gesetzgeberische Klarheit.
Statement Dr. oec. HSG Willy Oggier
Gesundheitsökonom, Küsnacht
Verschiedene Erkrankungen mit psychiatrischen Komponenten geniessen in der Schweiz in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch ein Stiefmütterchen-Dasein. Dies gilt auch für Demenz-Erkrankungen. Dieser Zustand ist aus gesundheitsökonomischer Sicht unbefriedigend. Es muss Licht in dieses Dunkel kommen. Daher unterstütze ich die parlamentarischen Vorstösse der Nationalräte Jean-François Steiert und Reto Wehrli, welche dazu notwendige Grundlagen aufarbeiten lassen und den Bund zur Formulierung von Grundsätzen einer Demenzstrategie anstossen wollen. Dies bildet die Basis für eine wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Behandlung von an Demenz erkrankten Menschen.
|
|